von Jule » Sa Jul 31, 2010 9:59 am
Hallo liebes Forum,
es ist vollbracht: ich habe einmal versucht, so genau wie möglich die bisherigen Bornasymptome (oder auch nicht) bei meinem Pferd zusammenzufassen:
Allg. Daten:
5-jährige Hannoveranerstute, ca. 1,60 m Stockmaß, ca. 450-500 Kg, „Blütertyp“,
vertrauensvoll, menschenbezogen, aufgeschlossen, klug, neugierig, sehr aufgeweckt, inzwischen sehr selbstbewußt, bewegungsstark, bewegungsfreudig bis temperamentvoll,
wurde von mir im Feb. 2009 in Stade bei Hamburg gekauft und kommt von einem Züchter aus der dortigen, unmittelbaren Umgebung. Zum Kaufzeitpunkt war sie anlongiert und kannte bereits den Reiter, beim Probereiten war aber noch nicht mehr außer Schritt und Trab, ganze Bahn möglich.
Vor Kauf war sie nicht grundimmunisiert. Die Grundimmunisierung (Tetanus, Influenza und Herpes – Resequin) ließ ich im Frühjahr 2009 vornehmen. Seitdem wird sie halbjährlich mit Resequin geimpft und ca. 3x pro Jahr entwurmt. Auf Spritzen reagiert sie sehr schmerzempfindlich zumindest im Vergleich mit anderen Pferden.
Hintergrund/"Krankheitsgeschichte":
Kaufsbedingt erfolgt im Feb. 2009 der Umzug von Stade nach Oberursel.
In der neuen Umgebung war sie zunächst sehr ängstlich, eingeschüchtert, sehr schreckhaft und reagierte bisweilen hysterisch auf (un-)bekannte Geräusche (Schüsse, Donner, Vogelgezwitscher!!!!, Hundegebell!!! – Trecker, Lkw etc. sind hingegen egal), Situationen und Umgebungen. In der Reitbahn bzw. auf dem Platz reagierte sie auch schreckhaft auf Vögel bzw. deren Schatten, wenn sie über sie hinweg fliegen und auf Schmetterlinge!!!, mit Hunden an sich hat sie hingegen überhaupt keine Probleme (es sei denn sie bellen) und spielt auch gern mit ihnen.
An einen Bereich in der Reithalle konnte sie sich nie richtig gewöhnen und neigte dort stets zu schreckhaften Überreaktionen.
Im Gelände wurde sie schnell ruhig und vertrauensvoll (zunächst als Führpferd an der Hand) und setzt sich mit neuen Situationen sehr besonnen (d.h. sie bleibt stehen und guckt) auseinander. Auch hier bleiben die Geräusche von Schüssen und Vogelgezwitscher weiterhin ein Problem.
Ab April wird sie dann von mir weiter angeritten, zunächst mit großen zeitlichen Intervallen (ca. 3 Tage) zwischen den Reiteinheiten. Ab ca. Sommer fällt auf, dass sie, wenn ich den zeitlichen Abstand zwischen den Reiteinheiten verringere, mit dem linken Hinterbein weniger gut untertreten kann. Zunächst fällt nur im Schritt auf, dass sie ca . 0,5-1 Huf breit kürzer tritt. Vergrößere ich die Erholungsphasen, legt sich dieses Problem zunächst. Später fällt das auch im Trab auf. Erste Erklärungsversuche: Wachstum, noch nicht vollständige Losgelassenheit beim Reiten.
Ich lasse Sie im Juli und August 2x akkupunktieren und 1x ostheopatisch behandeln. Nach der Akkupunktur stellt sich jew. für ca. 2 Wochen eine enorme Verbesserung, was die gesamte Entwicklung des Pferdes und eben auch das Hinterhandproblem betrifft, ein, diese „verschwindet“ nach kurzer Zeit aber wieder. Bei der ostheopatischen Behandlung wurde eine Blockade im Ilio-Sakralgelenk diagnostiziert und gelöst, mit dem Ergebnis, dass das Pferd über eine Woche lang nicht mehr „geradeaus“ laufen konnte. Als es das wieder konnte, kam auch die Hinterhandproblematik zurück, diesmal waren aber teilw. beide Hinterbeine abwechselnd betroffen. Dies tritt an manchen Tagen deutlicher auf und manchmal überhaupt nicht. Ein Muster kann ich nicht erkennen. Da sie sich trotz des gelegentlichen kürzer Tretens im Schritt und Trab grundsätzlich sehr rittig und gehfreudig zeigt, lasse ich keine weiteren Untersuchungen oder Behandlungen vornehmen und hoffe weiterhin auf ein wachstumsbedingtes und somit vorrübergehendes Problem und reite sie schonend weiter.
Im Oktober/November 2009 manifestiert sich das Hinterhandproblem. Nun zeigt sie jeden Tag egal ob beim Reiten, Longieren, Laufen lassen oder Führen hauptsächlich mit dem linken Hinterbein Probleme beim Untertreten, die sich an „schlechten“ Tagen zu einer Hangbeinlahmheit steigern. Erneut lasse ich sie akkupunktieren und ostheopatisch behandeln. Zwei Wochen später läuft sie kurzfristig vollkommen beschwerdefrei, spätestens ab Mitte Dezember allerdings wieder mit Problemen. Ich reite sie nur noch sehr selten und lasse sie meistens laufen. Hierbei ist sie grundsätzlich sehr aufgedreht, rennt und bockt von alleine. Macht beim Bocken aber keinen freudigen Eindruck - wie es sonst scheint, wenn Sie vor Übermut bockt, sondern einen sehr gestressten.
Während der ganzen Zeit hat sie weiterhin Probleme mit den oben geschilderten Geräuschen, wobei sie sich inzwischen deutlich besser von mir beruhigen lässt.
Zum Jahreswechsel erfolgt auch ein Stallwechsel. Erneut ist sie in der neuen Umgebung sehr gestresst und reagiert über bei manchen Geräuschen und beim Anblick fahrender Autos (reagiert mit Steigen). Beim Reiten lässt sie sich inzwischen von mir gut beruhigen, wenn sie sich z.B. über einen Vogel erschreckt hatte, beim Longieren kommen die Stimmen von sich außerhalb von der Longierhalle befindlichen Personen als neues Problemgeräusch hinzu. Beim Reiten, Longieren, Laufen lassen etc. läuft sie mit verspannter Kruppenmuskulatur, ohne Schub aus der Hinterhand und mit ungleichmäßigem Untertritt, gern eilig.
Im Feb/März 2010 hat sie die erste Kolik, Diagnose Verstopfung. Später im März, kurz nach einer Wurmkur, die zweite Kolik, bzw. sie zeigt Koliksymptome (steht verschwitzt, mit hängendem Kopf zunächst apathisch in der Box, scharrt zwischendurch, blickt zum Bauch und hat leichtes Fieber von bis zu 38,8-39°C). Der TA kann keine Ursache feststellen und tippt wegen des Fiebers auf einen Magen-Darm Infekt. Sie ist als einziges Pferd auf einer Stallgasse mit ca. 25 Pferden betroffen.
Im Frühjahr wird sie zunächst von der Hinterhand her stabiler. Der ungleiche Untertritt ist nur noch minimal vorhanden, dafür knickt sie in der Hinterhand häufiger (2-3x pro Woche beim Reiten) im Trab oder Galopp ein und zwar immer hinten links (also die Problemseite). Das ist vorher nie passiert. Sie lässt sich insgesamt deutlich besser los und entwickelt ansatzweise Schub. Ich reite sie vorsichtig vorwärts/abwärts aber regelmäßiger mit Intervallen von 1-2 Tagen. Seit März schubbert sie sich regelmäßg die Schweifrübe, das hat sie vorher noch nie gemacht.
Im Mai ergibt sich die Gelegenheit, sie nach der Stresspunktmassage nach Jack Meagher behandeln zu lassen. Der THP entdeckt ein paar „aktive“ Stresspunkte im Hals-und Hinterhandbereich, behandelt diese und zeigt mir geeignete Massagetechniken für die betroffenen Muskeln. Seitdem massiere ich sie regelmäßig selbst mit großem Erfolg. Körperlich ist sie kaum noch wieder zu erkennen und hat deutlich an Muskelmasse zugelegt, die Muskeln fühlen sich sehr locker an und sie scheint viel Spaß an jeglicher Form von Bewegung zu haben und ist selbst in den vergangenen sehr heißen Tagen kaum zu bremsen gewesen. Allerdings neigt sie nun nicht mehr zu übertriebener Eile, sondern zeigt schwungvolle, raumgreifendere Bewegungen – außer im Schritt, hier fehlt weiterhin deutlich noch Schub aus der Hinterhand. Die paar wenigen Dressurpferdeprüfungen, die ich seitdem geritten bin, konnten wir trotzdem mit guten Platzierungen beenden.
Plötzlich, Ende Mai/Anfang Juni verschlechtert sie sich beim Longieren wieder dramatsch, zeigt motorische Probleme in der Hinterhand auf beiden Seiten beim Äpplen und läuft anschließend wieder hangbeinlahm hinten links. Gleichzeitig, also noch während des Longierens, entdecke ich ca. 5 cm vor dem Bauchnabel eine ebenfalls ca. 5 cm lange Schwellung direkt auf der "weißen Linie". Beim Abtasten zeigt die Stute Unbehagen, wird aber nicht widersetzlich. Die Schwellung fühlt sich an wie ein angespannte Sehne (zb. beim Menschen die Achillessehne) und läßt sich nicht eindrücken oder "verschieben". Im Profil sieht die Schwellung aus, als hätte man einen Finger mittig unterm Bauch unter das Fell parallel zur Wirbelsäule geschoben. Am nächsten Morgen ist die Schwellung wieder verschwunden. So etwas hat sie noch nie vorher gehabt und seitdem auch nicht wieder. Da ich fürchtete, dass es sich um eine Hernie handeln könnte, rief ich noch am selben Abend alamiert den TA an. Der untersucht sie am nächsten Tag, aber da die Schwellung schon nicht mehr nachzuweisen ist, kann er nichts Außergewöhnliches feststellen. Sie läuft ausgezeichnet an diesem Tag, von etwaigen Hinterhand- oder sonstigen Problemen keine Spur, keine 24 Std. früher dachte ich noch, ich "müsse den Schlachter kommen lassen".
Da sich niemand aus all diesen Dingen und Vorkommnissen einen Reim machen kann, stoße ich nach umfangreicher Eigenrecherche auf Symptombeschreibungen zu Bornaerkrankungen beim Pferd und stelle teilw. erstaunliche Parallelen fest. Vom TA lasse ich einen Borna/Borreliose Test durchführen. Das Laborergebnis ist dann ein positiver Borna-Titer von 1:160.
Allerdings bin ich mir immer noch nicht sicher, was ich von diesem Ergebnis halten soll und ob es bei der Vielzahl der unterschiedlichen "Auffälligkeiten" nicht zu einfach ist, einen Virus zu verdächtigen und möglicherweise andere Ursachen nicht weiter in Betracht ziehe und damit ggf. frühzeitige Behandlungschancen verspiele. Mich würde daher euer Erfahrungsschatz hierzu sehr interessieren insb. was die Hinterhandproblematik betrifft.
Ich freue mich schon auf eure Kommentare.